| . . |
|
. . |
| . . |
Es war einmal ein armer Waisenjunge (so muß das in dieser Art von Geschichten sein) mit Namen Rigelfind (wie er zu diesem sonderbaren Namen kam ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll). Rigelfind lebte ganz allein in einem kleinen Häuschen im Murmelwald. Sein Leben war recht freudlos, denn eine böse Zauberin hatte ihn einst verwünscht (wie es dazu kam, ist wiederum eine andere Geschichte, die an anderer Stelle erzählt werden wird): Nachts wanderte er im Wald umher, beobachtete die Tiere, die Sterne, sowie die Bahnen der unterhalb 36000 km Höhe gelegentlich über das Firmament ziehenden Satelliten. Und er sammelte Kräuter, Beeren und Pilze, von denen sich wohlschmeckende und gesunde vegetarische Gerichte zubereiten ließen. Doch jedesmal, wenn der Morgen nahte, erfaßte ihn eine bleierne Müdigkeit und der unwiderstehliche Drang, zu seinem Bett zu eilen und darauf niederzusinken. Kaum hatte er dies getan, umfing ihn schon der allertiefste Schlaf, so daß eher ein Stein aus seiner Starre erwacht wäre, als daß irgendetwas ihn hätte wecken können. Rigelfind erwachte erst, wenn die Sonne bereits wieder untergegangen war. So sah er niemals das Tageslicht. Jahr um Jahr ging auf diese Weise ins Land. Rigelfind war furchtbar unglücklich, denn er sehnte sich nach dem Licht und der Wärme, die ihm der böse Zauber genommen hatten. Doch er hatte nicht die geringste Ahnung, was er tun konnte (und unfairerweise hatte die Zauberin auch nicht wie sonst üblich verraten, womit der Bann möglicherweise gelöst werden konnte). Einmal, als er es endgültig satt hatte, war er einfach direkt nach dem Aufstehen losgelaufen, schnurstracks durch den nachtdunklen Murmelwald, immer weiter, um vielleicht an einem Ort herauszukommen, wo er den nächsten Tag erleben durfte. Aber der Wald wollte und wollte kein Ende nehmen. Als die Dämmerung herannahte, stand er erschöpft inmitten eines Meers von stoischen, unempathischen Bäumen, keinen Schnipps anders als zehn Schritte von seinem Häuschen entfernt. Unterwegs hatte es nicht den kleinsten Anhaltspunkt dafür gegeben, daß es in irgendeiner Richtung einen Weg *irgendwohin* gab. 'Dann werde ich eben immer weiter gehen', hatte Rigelfind grimmig bei sich gedacht. 'Der Wald kann ja nicht endlos sein.' Ehe er noch seufzen und sich zu einigen weiteren Schritten in Bewegung setzen konnte, war bereits der Schlaf über ihn gekommen. Als er am nächsten Abend die Augen aufschlug, fand er sich nicht auf dem Waldboden wieder, sondern lag in seinem Bett, ganz als ob er seinen langen Marsch nur geträumt hätte! Nur ein ordentlicher Muskelkater in den Beinen zeugte davon, daß er tatsächlich unterwegs gewesen war. Nachdem
seine Beine sich leidlich wieder erholt hatten, unternahm er einen weiteren
Versuch. Insgesamt viermal rannte er eine komplette Nacht durch den Wald,
immer in einer anderen Himmelsrichtung, immer mit dem selben, nämlich
gar keinem Ergebnis. Dann hatte er sich in sein offensichtlich unabänderbares
Schicksal gefügt.
|
Die Offenbarung |
Die Erkenntnis |
Er
wischte diese müßigen Gedanken beiseite und beschloß,
einen Verdauungsspaziergang zu machen und die frische Luft zu
genießen.
Während er durch den Wald schlenderte, stellte er sich vor, wie es
sein würde, wenn er jemandem begegnete. Er hatte schon so lange
keine Menschenseele mehr zu Gesicht bekommen! Oder was wäre, wenn
die Böse Zauberin plötzlich vor ihm stünde. Würde
er
sie anflehen, ihren Bann zurückzunehmen? Würde er sie
unflätig
beschimpfen? Würde er achtlos an ihr vorbeigehen?
Der halbe Mond ließ ihn mühelos den Weg zwischen dicken Stämmen, Unterholz und Dickicht finden. Seine Augen waren an das spärliche Licht gewöhnt wie Regentropfen daran, aus Wolken zu fallen. Er wanderte eine gute Stunde, ohne etwas Bemerkenswertes zu entdecken, und wollte sich eben wieder auf den Weg zurück zum Häuschen machen, als ihm in einiger Entfernung ein besonderer Schein auffiel. Zuerst dachte er, das Mondlicht würde an der Stelle nur durch eine ungewöhnliche Stellung der Blätter reflektiert. Doch als er näher heranging, verstärkte sich der Schein. Es war keineswegs eine Reflektion, sondern ein Leuchten, das seinen Ursprung an einem Platz zwischen den Bäumen hatte. Verwundert trat er zwischen den Stämmen hindurch. Das hatte er noch nicht erlebt, auch kam ihm dieser Ort im so vertrauten Wald völlig unbekannt vor: Mitten auf einem kleinen, freien Stück Waldwiese stand eine silbern glänzende Lampe, in der ein Flämmchen hell glimmend die ganze Umgebung erstrahlen ließ. Ungläubig sah Rigelfind sich um, wo der Eigentümer dieser Lampe steckte. „Hallo?“ rief er. „Hallo, ist jemand da?“ Keine Antwort. Der Murmelwald schwieg ihn an wie ein geheimes Auditorium, das gespannt darauf wartete, was er als nächstes tun würde, ob er sich geschickt anstellte, ob er amüsante Einfälle hatte. Vorsichtig hob er die Lampe an und betrachtete sie neugierig. Das Glas glänzte wie frisch geputzt, das Gehäuse schimmerte mit fleckenlosem, silbernem Wunder. Die Flamme flackerte klein und unschuldig an ihrem Docht, aber entfachte ein Licht, als ob sie das Hunderter von Kerzen bündelte. Und ihm fiel noch etwas anderes auf: Die Lampe besaß einen interessanten unregelmäßigen Grundriß, der ihm sehr bekannt vorkam! Rigelfind war sprachlos (nicht, daß er an dieser Stelle mit vielen Leuten hätte plaudern oder sich beraten können, aber dennoch). Erneut blickte er sich um, ob niemand Anspruch erheben würde oder sich vielleicht sogar persönlich angegriffen fühlen konnte, wenn er sich gleich umdrehte, um diesen aufregenden Fund zu seinem Häuschen zu tragen, zu dem Vierkantsockel mit der eigenartigen Aussparung an der Oberseite, zu sehen, wie sich diese wundersame Beleuchtung an seiner Haustür machte und was sich dadurch möglicherweise Schicksalhaftes entwickelte. Es war niemand da. Rigelfind
wandte sich um und begann seinen Rückweg. Nach kaum drei Schritten
aber hielt er abrupt inne: Das Flämmchen begann beängstigend zu zittern
und schwächer zu werden! Er machte einen weiteren Schritt: Stärkeres
Zittern. Und noch einer: Die Flamme schrumpfte auf kaum die Hälfte
ihrer ursprünglichen Größe, leuchtete höchstens noch
wie drei durchschnittliche, nicht besonders hochwertige Kerzen. Unschlüssig
verharrte er. Was hatte das zu bedeuten? Es gab keinen nennenswerten Luftzug,
der Schuld an dem Flackern sein konnte. Rigelfind kratzte sich nervös
am Kopf, blickte sich nochmals vergwissernd um, überlegte kurz. Dann
wagte er zwei weitere Schritte. Da schrumpfte das Flämmchen so sehr,
daß von ihm nur noch das flüchtige, in jedem Moment vom Sterben
bedrohte Lodern eines Streichholzes blieb. Erschrocken sprang Rigelfind
wieder zwei Schritte zurück. Und siehe da: Die Flamme erholte sich
ein wenig!
|
|
| Nun
war guter Rat teuer (wie sich das gehört an gewissen Stellen in dieser
Art von Geschichten). Rigelfind jedoch beschloß, sich nicht ins Bockshorn
jagen zu lassen. Schweren Herzens zwar, aber dennoch bestimmt trug er die
silberne Lampe davon, ohne darauf zu achten, daß das Flämmchen
schwächer und schwächer wurde. Das heißt, solange bis es
auf halbem Weg zurück zu seinem Häuschen ganz verlöschte!
In diesem Moment wurde ihm doch sehr bang. Er fragte sich, welches Unglück
er damit am Ende anrichtete. Aber nun war es zu spät.
Endlich erreichte er das Haus und den Steinsockel. Gespannt setzte er die schweigende Lampe in die Vertiefung: Sie paßte perfekt hinein! Da freute sich Rigelfind wie ein Murmelkönig (hierbei dürfte es sich wohl um eine Sagengestalt handeln, historisch nicht belegt; in der Fachwelt herrscht Unklarheit darüber, ob es diese Figur tatsächlich gegeben hat oder je geben wird. Vgl. hierzu die einschlägige Literatur). Fröhlich tanzte er um seinen Fund herum, unbestimmt überzeugt davon, daß dies etwas ganz Besonderes bedeutete. Er tanzte, bis ein heller Schein am Horizont den neuen Tag anzukündigen begann. Wie stets wurde er steinmüde, doch leichten Herzens schlief er ein, gespannt auf das Erwachen. Als Rigelfind die Augen wieder aufschlug, wußte er nicht gleich, ob es die Abend- oder die Morgendämmerung war, die durch sein Fenster hereinlugte. Aber nur kurz, dann war das einzige Licht, das ihm blieb das Licht des Mondes... Stirnrunzelnd erhob er sich von seinem Lager. Die silberne Lampe war immer noch da. 'Nun gut', dachte er. 'Ich muß sie einfach entzünden!' Gedacht, getan. Er holte eine Schachtel mit Streichhölzern (von denen er einen unerschöpflichen Vorrat von mehreren tausend Paketen in seinem Küchenschrank besaß, ebenso wie von Klopapierrollen und Zahnpastatuben) und schritt zur Tat. Die Lampe zu öffnen war nicht schwierig, sie hatte ein Türchen, das sich zur Seite schwenken ließ, so daß er ein entzündetes Holz an den Docht halten konnte. Aber es war wie verhext: Er konnte probieren, was er wollte, der Docht wollte nicht brennen! Nachdem er drei Schachteln Hölzer verbraucht hatte, untersuchte er die Lampe genauer. Vielleicht war das Öl alle? Wie sonderbar: Es gab überhaupt keine Kammer für Brennstoff! Wie hatte das Lämpchen überhaupt leuchten können? Rigelfind verstand überhaupt nichts. Dies mußte irgendsoeine magische Lampe sein, angefeuert von einer zauberhaften Energie, ein ganz besonderes Stück, ein wahrer Glücksfund, wie er nur selten im Leben gelingt, aber in diesem Fall anscheinend ein Mängelexemplar, das kaputt geht, kaum daß es zum erstenmal in Betrieb genommen wird, sowas kennt man ja, da hilft nur zurückbringen und umtauschen, möglichst vor Ablauf der Garantiezeit! Rigelfinds
Herz sank in eine tiefe Schlucht. Wütend warf er die restlichen Hölzchenschachteln
zu Boden. Er nahm die Lampe vom Sockel und funkelte sie böse an. Am
liebsten hätte er sie an dem Stein zerschmettert! Ein seltsamer Laut
entrang sich seiner Brust, es war etwas zwischen Trollgrollen, Katzenjammern
und dem Flügelschlag eines Engels, der sich von einem Ort aufschwingt,
um zukünftig über jemand anderen zu wachen...
Als er
am
Abend in seinem Bett erwachte wie immer, schüttelte er bloß
leise den Kopf über die ganze Geschichte. Und wenn er nicht gestorben
ist, lebt er noch heute in seinem Häuschen im Murmelwald.
|
Die Ungewissheit |
|
HOME |